Mittwoch, 9. August 2017

Deutsche Senioren

In meiner Kindheit waren Senioren - wenn sie nicht völlig "verkalkt" waren - ein letztes Revervat bürgerlicher Tugenden, ein Hort von Lebensweisheit und den dazugehörigen Spruchweisheiten, deren tiefer Sinn sich mir erst mit den Jahren erschließen sollte. Man hielt sich privat wie in der Öffentlichkeit an Ordnungen. Ihre Erziehung hatte eine Generation übernommen, die ihre Prägungen in den goldenen Friedensjahrzehnten des Kaiserreiches erhalten hatten. Wenn auch manche Ansicht und mancher Satz dieses Erbes durch die geistige Okkupation der NS-Zeit etwas angekränkelt schien, so waren sie doch in ihrer Wurzel gut, vernünftig und befolgenswert. Rücksichtnahme, Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit und Gesetztestreue als Grundlagen gesellschaftlichen Lebens waren (zumindest bei den Damen und Herren, mit denen ich es zu tun hatte) eine Selbstverständlichkeit.
Man kommt nun selbst langsam in die Jahre und mit einem Blick zurück kommen mir dieselben Sätze über die Lippen, die ich von der Generation der Großeltern ererbt habe. Ich spüre eine tiefe Sehnsucht nach früheren Zeiten, in denen zwar nicht unbedingt alles besser, aber zumindest nicht so ... ja, wie ist es eigentlich im Vergleich zu "früher"?
Beispiele:
Politik:
Früher traute ich Politikern durchaus zu, ein Land zu regieren. Sie waren ( so meine Meinung) aufgrund ihrer Fähigkeiten auf ihre Positionen gelangt. Sicherlich gab es entsprechende Verknüpfungen mit der Wirtschaft. Aber Korruption im großen Stil...? Nein!
Heute habe ich das Gefühl, das Gros ist durch Intriganz an die Macht gekommen, korrumpiert und/oder erpressbar bei größtmöglicher Inkompetenz in Sachfragen.
Kleidung:
Wenn man mal von den 1970ern absieht, ist der Trend von Kleid/Anzug, "Binder" (Langbinder: Krawatte; Querbinder: Fliege), Mantel, Hut zum T-Shirt-/Cargo/Jogginghosen-Freizeit-Schlabber-Look eindeutig negativ. Generationen- und schichtenübergreifende, egalisierende Geschmacklosigkeit allüberall in unseren Städten, welche die Träger beiderlei Geschlechts in ihren Unzulänglichkeiten der Peinlichkeit preisgibt.
Essen und Trinken:
An die Stelle der selbst zubereiteten Mahlzeiten sind Tiefkühlpizzen und sonstiges Zeugs getreten! (Achten Sie mal beim Einkauf darauf, was so mancher Mitmensch auf das Transportband an der Kasse stapelt!) Bier und Schnaps gab es in der Kneipe. Für Familienfeiern wurde eventuell mal eine Kiste gekauft! Die Wirtschaften sterben in den Stadtteilen aus. Dafür gibt es Getränkemärkte en masse! Viele Jugendliche haben sich dank wöchentlicher Übung zu Experten im Bereich Alkoholbeschaffung und -abusus entwickelt. (Gehen Sie schon mal am frühen Freitagabend einkaufen? Dann wissen Sie vielleicht, was ich meine.) Es ist bei nicht wenigen dieser Experten die einzige Form von "Geselligkeit" zu der sie noch fähig sind.
Haben Sie nicht auch das Gefühl, daß sich die Menge des mit sich herumgetragenen Fettes in den letzten Jahren vervielfacht hat?
Umgangsformen:
Ich erwarte weder Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Tischsitten noch sonstige Umgangsformen, wenn ich das Haus verlasse!
Und damit bin ich wieder beim Ausgangspunkt  bei den heutigen Senioren (hochgeschätze und geliebte Ausnahmen sind natürlich ausgenommen!):
Konnte man sich früher darauf verlassen, daß man es bei der Generation 60plus im Straßenverkehr mit einer Gruppe selbsternannter Verkehrserzieher zu tun hatte, die allen anderen Verkehrsteilnehmern die Bedeutung von Stopschildern, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Ampeln etc. vorführten ("Fahrer mit Hut? Immer gut!", im Ruhrgebiet auch "Oppa-Alarm!" genannt), hat man es heute mit einer Horde eigengesetzlicher Selbstverwirklicher zu tun, die ihre Zeit als "Halbstarke" in aeternum zu perpetuieren suchen. "Halbstarke" und ihre "intellektuellen Generationsgenossen", die sog. 68er! "Nicht gesellschaftsfähig!" Pubertär bis in die Grube!
HALT!
Wie unschwer zu erkennen ist, habe ich mich von einem derart gestrickten Vertreter dieser Generation gehörig ärgern lassen, der mich durch sein bewußt regelwidriges Verhalten (War für ihn so bequemer!) auf der Straße in Gefahr brachte und mich nach dem durch ihn verschuldeten Bremsmanöver auch noch "verbo et opere" beschimpfte. Unanständig, zutiefst unanständig!

Sollten Sie meine kurze Auslassung als kulturpessimistisch und misanthropisch empfunden haben, so ist das nur die eine Seite der Medaille. Sie ist ein kleines, verschämtes Loblied auf zwei verkannte Generationen, die Generationen meiner Urgroßeltern und Großeltern: Weltkrieg I, Inflationszeit verführt, Weltkrieg II, ausgebombt, vertrieben, zweimal um ihr Lebensglück gebracht ..., die "Wiederaufbauer", verfemt von genau jener Generation, die mich heute wieder einmal zur Weißglut getrieben hat!
Starker Tobak? Das soll es auch sein! Denn so undifferenziert wie es hier steht, wird es keiner der genannten Generationen gerecht! So diene die Ungerechtigkeit als Chance für ein Umdenken ...
auch wenn es für manche nur noch durch eine frische Blume auf dem Grabhügel Ausdruck finden dürfte ...
Moralin? Mußte mal sein!
Ich war heute einfach zuviel vor der Tür! Vielleicht liegt es auch am Wetter. Es waren heute einfach zu viele Grenzüberschreitungen, die mir begegnet sind.
Grenzüberschreitungen ... was für ein Wort, nicht wahr?
Die Achtung von Grenzen ...
Gute Gedanken miteinander!

1 Kommentar:

Kirchfahrter Archangelus hat gesagt…

Wenn Ihnen als bekennenden moralinsauren Kulturpessimisten und vor-sich-hin-nörgelnden Gesellschaftsverzweifler an Zuspruch von einem Bruder im Geiste gelegen sein sollte: Sie haben leider recht und nicht übertrieben. Auch wenn nun die „Gegen-Flüchtlinge-und-Merkel-immer-feste-druff“-Fraktion schäumt: bei vielen Biodoitschen ergreift mich nur noch Abscheu. 50er laufen wie 15-jährige herum, in der Alterskohorte 30 – 40 dominiert der esoterik-spinnerte Öko-Veganer. Oberflächlich eingestellt, finden sie alles „supi“, die unverschämteste Zumutung ist noch eine „spannende Herausforderung“, ihre Pleiten reden sie sich als „wahnsinnig intensive Erfahrung“ schön. Grundlos dauerkichernde Frauen, die mit lauter Quäk-Stimme Ihre Männer wie Kinder behandeln, Freundinnen quiekend um den Hals fallen, rumlaufen wie ihre 20jährigen Töchter und offenbar glauben, wenn sie sich nur infantil genug aufführen, werden sie schon nicht älter werden. „Männer“ gibt’s kaum mehr in der Alterskohorte, nur Dauer-17jährige, die ein Leben in der Warteschleife führen: Job befristet, Partnerschaft auch (laufen bei IKEA in Rudeln rum).
Und auch die Generationen 60+ machen keine Freude: laufen mit Rolator quer über die Straße an der uneinsehbarsten Ecke, der Zebrastreifen knappe 60 Meter entfernt (beileibe kein Einzelfall). In der Regel kommen auch ältere Jahrgänge in West-Deutschland beim Inhalt christlicher Hochfeste wie Ostern, Pfingsten oder Weihnachten ins Stottern.
In Radio und Fernsehen sehen wir Beispiele eines (zumindest in dieser Geschwindigkeit) wohl noch nie dagewesenen Wissens- und Kulturverfalls in allen Schichten und Altersstufen. Ein älterer, seriöser Herr beschwert sich lautstark im Fernsehen über "die Jugend von heute" und deren Wissenslücken mit den Worten: "Es ist eine Schande, dass die heutzutage ja noch nicht einmal mehr wissen., dass an Ostern Jesus geboren wurde!".
Wer bislang die Meinung vertreten hat, dass die Generation 60+ die letzten seien, auf die man noch zählen könne, dem sei ein Blick in die Doku-Soap "Goodbye Deutschland" auf Vox empfohlen. Hier jubelten in einer Folge zahlreiche ältere Damen in einem Amüsierlokal "auf Malle" enthusiastisch den kläglichen Gesangsversuchen einer ehemaligen Sachbearbeiterin des Jobcenters Dietzenbach zu, die es als Darstellerin in mehreren "Reality-Formaten" eines Kölner Privatsenders zu einiger fragwürdiger Bekanntheit gebracht hat. Obgleich offenkundig jeglichen Gesangs- oder Schauspieltalentes bar, füllt die dem Vernehmen nach als "C-Promi" eingestufte Frau gleichwohl das Etablissement.
Genug davon... ;-)